Pfarre St. Stephan

Vorschau


Kirchenchor St. Stephan

Giacomo Puccini
(22. Dezember 1858 - 29. November 1924)


Giacomo Puccini Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo - so der vollständige Taufname, der die ersten Namen sämtlicher musikalischer Vorfahren vereint, den er in seiner vollständigen Form jedoch nie verwendete - war der berühmteste Sproß der Familie. Wie der "Ahnherr" Giacomo (1712 - 1781) sind alle Nachfolger der Musikerdynastie in Lucca / Toskana zur Welt gekommen.

Giacomo Puccini "der erste" kam 1740 als Organist nach Lucca und von da an hatte die Familie Puccini das Musikleben der Stadt für einen Zeitraum von mehr als 120 Jahren fest in Händen: als Komponisten, Organisten, Kapellmeister und Musiklehrer. Hauptsächlich waren sie auf dem Gebiet der Kirchenmusik tätig, und es ist fast ein Paradoxon, daß der berühmteste Sproß der Familie dieser Tradition ein Ende setzte.

Michele Puccini, der Vater von "Michele Secondo" schloß gemäß der Familientradition in Bologna seine Studien ab und wurde 1830 Organist in Lucca, 1842 Lehrer am dortigen Konservatorium und war ab 1852 bis zu seinem Tod 1864 Direktor dieser bedeutenden Anstalt. Michele Puccini war verheiratet mit der 18 Jahre jüngeren Albina, geb. Magi, die ihm acht Kinder gebar, wovon eines bald nach der Geburt starb. Das letzte Kind - Michele - kam drei Monate nach dem Tod des Vaters (23. Jänner 1864) zur Welt. Dieses tragische Ereignis hatte für die Familie einschneidende Veränderungen zur Folge. Es kam zu drastischen Einschränkungen, denn die Mutter hatte nur eine kleine Rente für die zahlreiche Kinderschar zur Verfügung.

Wie sehr man jedoch die musikalische Vormachtstellung der Familie Puccini in Lucca schätzte, beweist ein Erlaß der Stadtverwaltung vom 18. Februar 1864, die Fortunato Magi, den Schwager des Verstorbenen, als vorläufigen Amtsnachfolger einsetzt. Der diesbezügliche Passus hält fest, daß Magi "... den Posten des Organisten und Kapellmeisters an Signor Giacomo, Sohn des vorhergenannten verstorbenen Maestros abzugeben habe, sobald dieser imstande sei, solche Pflichten auszuüben ..." Es ist ein seltener Fall künstlerischer Vorausbestimmung, wie er sicher nicht oft vorgekommen ist in der Musikgeschichte. Signor Giacomo hatte zwei Monate vorher seinen fünften Geburtstag begangen.

Den ersten Orgelunterricht erhält Puccini noch von seinem Vater, die Fortsetzung des Unterrichts durch den temperamentvollen und jähzornigen Onkel ist geprägt durch Schläge und Fußtritte. Dieser amusische Unterricht wird von seiten des Lehrers zum Glück bald aufgegeben - die Aussichten auf Erfolg schienen zu gering. Auf Betreiben der ebenfalls sehr musikalischen Mutter findet Giacomo bei Carlo Angeloni, einem einstigen Schüler des Vaters, mehr Verständnis. Eine vielversprechende Begabung zeigt sich bald, die jedoch nichts Außergewöhnliches vermuten läßt. Ab 1868 wirkte er als Chorknabe (Altstimme) in zwei Kirchen seiner Heimatstadt und im Alter von cirka 14 Jahren verdiente er sich erstes Geld als Organist, nicht nur in Lucca, sondern auch in benachbarten Gemeinden. Er spielt dort nicht nur Orgel, sondern auch Klavier bei Tanzveranstaltungen, Volksfesten und in einfachen Tavernen. Ein besonderer Klavierspieler wird Puccini aber Zeit seines Lebens nicht, es war auch später kein Vergnügen für ihn, wie er selbst einmal zugibt. Die ersten Kompositionen entstehen und sind meistens das Ergebnis von Improvisationen auf der Orgel. Bereits da machen sich Einflüsse von toskanischen Volksliedern und opernhafte Züge bemerkbar. Auf Drängen der Mutter wird Puccini 1874 Schüler am Konservatorium in Lucca. Es entstehen kleinere kirchenmusikalische Werke und ein längeres Orchesterstück mit dem Titel Preludio Sinfonico (1876). 1877 beteiligt er sich mit einer patriotischen Kantate Il figli d’Italia bella (Die Söhne des schönen Italien) an einem Preisausschreiben - allerdings erfolglos. Bei der Rückgabe des Manuskripts wird ihm der Rat erteilt, er möge seine kirchenmusikalischen Kenntnisse erweitern und sich vor allem einer deutlicheren Handschrift bedienen. Das Übel einer unordentlichen, teilweise kaum leserlichen Notenschrift besteht allerdings lebenslang.

Im Rahmen seines Studiums schuf er ein Jahr später zum Fest des Hl. Paolino, dem angeblichen ersten Bischof von Lucca, eine Motette - Mottetto per San Paolino - und ein Credo mit Orchester. Beide Stücke wurden so begeistert aufgenommen, daß sich Puccini zur Ausarbeitung einer ganzen Messe ermutigt fühlte. Aus seiner Motette wurde das Kyrie; das Gloria wird als 9-teilige Festmusik breit auskomponiert und das vorhandene Credo überarbeitet. Sanctus und Agnus Dei verraten trotz ihrer äußerst knappen Form den großen Musiker. Das rund 50 Minuten dauernde Werk wurde als Abschlußarbeit am Konservatorium vorgelegt. Es wurde am 12. Juli 1880 uraufgeführt. Anlaß war der Paolino-Tag in Lucca und erzielte großen Beifall.

Puccini ging anschließend mit Hilfe reicher Gönner (Königin Margherita di Savoia und ein reicher Verwandter namens Dr. Nicolao Cerù) nach Mailand. Die Heimatstadt Lucca lehnte es ab, eine Unterstützung zu gewähren, da Puccini die Laufbahn eines Kirchemusikers für sich ausschloß. Somit sahen die Stadtväter von Lucca keinen Nutzen in weiteren finanziellen Zuwendungen. In Mailand schafft Puccini, was dem jungen Verdi nicht gelungen war: er besteht mit sehr gutem Erfolg die gefürchtete Aufnahme an das Konservatorium, das damals zu den besten Ausbildungsstätten der Welt zählte. Das wichtigste Werk aus den Mailänder Studienjahren ist das Capriccio Sinfonico, das umfangreichste Orchesterwerk, das Puccini jemals geschrieben hat. Es ist seine Abschlußarbeit am Konservatorium und wird am 14. Juli 1883 vom Studentenorchester des Konservatoriums zur Aufführung gebracht. Das Werk machte ihn mit einem Schlag in der italienischen Musikwelt bekannt, er zählt von diesem Zeitpunkt an zu den großen künstlerischen Hoffnungen seines Landes. Nach Beendigung seiner Ausbildung kann er sich nach alter Tradition Maestro nennen. Für die treffende Schilderung des entbehrungsreichen Künstlerlebens in seiner La Bohème kann er auf eigene bittere Erfahrungen zurückgreifen. Trotz einer ungewissen Zukunft kehrt er aber nicht nach Lucca zurück und verliert damit jeden Anspruch auf weitere Unterstützung. Er widmet sich ganz der Musiksparte, die ihm eine spektakuläre Karriere bringen wird: der Oper. Sein erstes großes geistliches Jugendwerk gerät in Vergessenheit.

Erst nach 1945 entdeckte ein Freund Puccinis, der in den USA wirkende Priester Dante del Fiorentino die Partitur der "Messa a 4 voci con orchestra" in As-Dur. Er besorgte 1951 die Erstveröffentlichung und setzte sich für die Wiederaufführung ein. Die dominante Ausarbeitung des Gloria war bestimmend für den seither üblichen Titel "Messa di Gloria". Unter diesem Namen verbreitete sich Puccinis Jugendwerk über alle Konzertsäle der Welt, und das aus guten Gründen. Die Komposition zeigt großen Einfallsreichtum, sichere Führung der Stimmen und des Orchesters, sie sei aber im höchsten Grade unkirchlich, wie immer wieder behauptet wird. Ungewöhnlich ist das wie in einem Guß durchkomponierte Sanctus/Benedictus. Üblicherweise ist dieser Teil einer Messe so gestaltet, daß eine Zäsur ohne weiters möglich ist. Hier ist diese Trennung vom Komponisten eindeutig nicht vorgesehen. Das Thema des Agnus Dei verwendet Puccini später in der Oper Manon Lescaut als galantes Liebeslied (Madrigal), das im zweiten Akt zur Zerstreuung Manons vorgetragen wird. Die Tenor-Arie im Gloria (Gratias agimus) steht dem pathetischen Stil der Sakralwerke Gounods nahe, weicht aber vom "gewohnten" kirchenmusikalischen Klang weit ab.

Am Konservatorium in Lucca ist Angeloni sein Kompositionslehrer und durch ihn wird er auf die Verdi-Opern Rigoletto, Il Trovatore und La Traviata aufmerksam gemacht. Das entscheidende Erlebnis, das ihn von der Kirchenmusik weg und zur Oper hin führt, findet im Frühjahr 1876 statt: Verdis Oper Aida, die 1871 zur Uraufführung gelangt war, wurde in Pisa mit großem Glanz wiederholt aufgeführt. Die Kunde von dieser in jeder Beziehung außergewöhnlichen Oper verbreitete sich in der ganzen Umgebung, und auch Puccini brannte darauf, diese neue Verdi-Oper zu hören und zu sehen. Zusammen mit zwei Freunden - zu Fuß, 20 km hin und 20 km zurück - begibt er sich nach Pisa und ist tief beeindruckt von dem Werk. ... Es war, als ob sich mir die musikalische Pforte eröffnet hätte ... Ab da ist es für ihn klar, daß er Opern komponieren wird.

Als Opernkomponist erreicht er noch zu Lebzeiten Weltruhm und Anerkennung, auch in seiner Heimat, trotz seiner skandalösen Verbindung mit Elvira Gemignani. Sie ist die Frau eines anderen, mit dem sie zwei Kinder hat. Trotzdem verläßt sie 1884 ihren Mann und zieht mit der Tochter zu Puccini nach Mailand. 1886 wird Puccini Vater eines Sohnes, der den Namen Antonio erhält. Das Verhältnis zur Mutter seines Sohnes bleibt gespannt bis zu seinem Tod. Es ist belastet durch ihre zum Teil berechtigte Eifersucht und ganz besonders durch den tragischen Selbstmord einer ehemaligen Hausangestellten. Elvira glaubte - diesmal vollkommen ungerechtfertigt - an ein Verhältnis zwischen Puccini und Doria Manfredi, die Puccini nach einem schweren Autounfall aufopfernd gepflegt hatte.

Fern von seiner Frau, die bis zuletzt nicht über den wahren Zustand seiner Krankheit Bescheid wußte, starb Puccini am 29. November 1924 in Brüssel an Kehlkopfkrebs. Todesursache war Herzversagen. An seinem Sterbelager waren sein Sohn Tonio und seine Stieftochter Fosca, zu der er stets ein sehr liebevolles Verhältnis gehabt hatte.

Am 1. Dezember wurde der Leichnam nach Italien gebracht, am 3. Dezember fand unter großer Beteiligung aller Bevölkerungsschichten die Trauerfeier im Mailänder Dom statt. Toscanini dirigierte die große Trauermusik (Requiem æternam) aus Puccinis Jugendwerk Edgar, seiner zweiten Oper. Der Komponist wurde zunächst in Toscaninis Familiengruft bestattet, erst zwei Jahre später kam es zur endgültigen Beisetzung in Torre del Lago, wo man ihm in seinem einstigen Wohnsitz ein Mausoleum errichtet hatte.

Zitate:
Richard Strauss in einem Brief an Clemens Krauß vom 14. September 1939: ... vielleicht gibt dies gerade meinen Opern die Gewähr für etwas längere Dauer, wenn ich Puccini mit einer delikaten Weißwurst vergleiche, die um 10 Uhr früh (2 Stunden nach Fabrikation) gegessen werden muß (allerdings hat man um 1 Uhr schon wieder Appetit auf etwas Reelleres) während die Salami (kompakter gearbeitet) eben doch ein bißchen länger vorhält ...

Benjamin Britten in: Opera, Februar 1951: ... Als ich La Bohème hörte, wurde mir ganz übel von der Billigkeit und Leere dieser Musik ...

Gustav Mahler in einem Brief an Richard Heuberger vom 31. März 1897: ... Ein Takt Puccini ist mehr wert als ganz Leoncavallo ...

Igor Strawinsky in: Igor Strawinsky mit Robert Craft. Erinnerungen und Gespräche; Frankfurt/M. 1972: ... Puccinis Genie der Sentimentalität ist in La Bohème so vollkommen der dramatischen Substanz angepaßt und so prächtig entfaltet, daß sogar ich, wenn es mir gelingt, eine Karte zu bekommen, das Theater mit dem Lied meiner verlorenen Unschuld auf den Lippen verlasse ...

Text: Adelheid Hlawacek


Quellen:
Höslinger, Clemens: Puccini; Hamburg, 6. Aufl. 1999
Reclams Chormusik- und Oratorienführer; Stuttgart, 7., völlig neu bearb. Aufl. 1999
Die Musik in Geschichte und Gegenwart; München 1989